Hans-Walter Rosenthal

Ein Brief

Da ich als Jude nicht zum Jungvolk zugelassen wurde, erkannte ich bald, dass ich „anders“ war, besonders, als auch die Bibelforscher und Pfadfinder-Gruppen, zu denen ich kurze Zeit gehörte, „gleichgeschaltet“ wurden.

Nach einem unliebsamen Zwischenfall an der alten Gevelsberger Realschule (später Gymnasium) im Jahre 1937 wurde ich auf Anraten des damaligen Direktors Dr. Bauer von der Schule genommen und auf eine höhere Schule nach Köln geschickt, wo ich bei einer Lehrerfamilie Unterkunft fand.

Von dort aus gelang es, mich auf einem englischen Internat (boarding-school) in Westgate-on-Sea/Kent unterzubringen, leider aber nur für kurze Zeit. Ich trat dort den Schulkadetten bei, lernte in vier Wochen mehr Englisch als in vier Jahren an der Gevelsberger Schule, und zwar fließend und akzentlos. Mein englischer Lehrer glaubte, in mir einen Journalisten entdeckt zu haben.

Und noch einmal ging ich nach Gevelsberg zurück.

Kurze Zeit später wurde mein Vater verhaftet und in das KZ Sachsenhausen gebracht. Auf die schmerzvollen Ereignisse der folgenden Monate möchte ich hier nicht eingehen; sie waren ein Zeichen, dass es für mich jüdischen Vollwaisen die höchste Zeit wurde, Deutschland wieder zu verlassen.

Quelle: Bürger erinnern sich. Ein Lesebuch für Erwachsene zur hundertjährigen Geschichte der Stadt Gevelsberg, Hrsg. Stadt Gevelsberg 1987