Dr. Oskar Arnheim

Verfolgung.
Das Unglaubliche geschieht

Auch heute noch, im Alter von über 80 Jahren, bin ich mir nicht voll bewusst, was damals an diesem nasskalten Januartag geschah.

Ich war deutsch geboren, protestantisch erzogen, hatte eine deutsche Frau, und abgesehen von einigen jüdischen Patienten, bestand keinerlei Beziehung zum Judentum. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte die Bevölkerung nie die Familie als jüdisch versippt betrachtet. Der Bevölkerung und auch uns wurde aber bald klar, dass das Unglaubliche, die Verfolgung, beginnen würde. In der Welt war das Nazi-Regime vom ersten Tag an als anachronistisches, brutales Regime angegriffen worden. Nachrichten über die ersten Konzentrationslager fanden ihren Weg in die Auslandspresse. Drakonische Ermächtigungsgesetze wurden nach dem Reichstagsbrand im Februar erlassen, und für den 1. April 1933 wurde ein Boykott aller jüdischen Geschäfte und Unternehmen angeordnet. Dieser 1. April 1933 war der erste Schultag unserer Tochter. Vor meinem Praxiseingang wurden Braunhemd-Posten aufgestellt, die die Patienten am Betreten der Praxis behinderten oder beschimpften. Zu dieser Zeit hatten die Leute noch den Mut, sich zu wehren. Was wollten, was sollten wir tun? Zum Ausland hatten wir keinerlei Verbindungen. Außerdem war ein Erlass herausgekommen, der den Kriegsteilnehmern die Fortführung der Praxis erlaubte.

Für meine Frau Meta und mich war der 1. April 1933 der Anfang einer langen Nacht. Es machte sich frühzeitig bemerkbar, dass sich unsere engsten Freunde zurückzogen und viele andere uns mieden. Auf der Straße war zu beobachten, dass ehemalige Freunde und Bekannte schnell in ein Schaufenster sahen, um eine Begegnung mit uns zu vermeiden. Mit Selbstbewusstsein und Verachtung überwanden wir diese erstaunlichen Symptome als eine Charakterlosigkeit. Inneres Verständnis aber fehlte u n s dafür, weil – wie wir es später sahen diese Menschen aus der Notwendigkeit zur Selbsterhaltung gehandelt haben.

Aber trotzdem gab es eine ganze Reihe aufrichtiger und sogar treuer Freunde und Mitmenschen.

Natürlich wurde ich als Sekretär der Ärzteorganisation mitsamt dem Vorstand ausgebootet. Man nannte so etwas „gleichschalten“, d. h. jeder Amts- und Würdenträger hatte Nationalsozialist zu sein. Der Verlust in der Praxis war groß. Er wurde aber dadurch ausgeglichen, dass Patienten eines kommunistischen Arztes, dem die Praxis entzogen worden war, zu mir kamen. Die Mentalität dieser Patienten war dadurch charakterisiert, dass sie stolz waren und Mut besaßen, zu einem offiziell geächteten Arzt zu gehen. Mit typischer nationalsozialistischer Finesse ging dieses aber schon nach einem Jahr zu Ende, indem man den Erwerbslosen die Ausstellung von Krankenscheinen verweigerte. Im Alter von 34 und 35 Jahren – den sogenannten besten Lebensjahren – wurden wir systematisch in einen existenzmäßig luftleeren Raum gebracht.

Die Verfolgung wurde immer schlimmer. Neue Gesetze machten das Leben schwerer, und am 1. Oktober 1938 wurde mir auf Grund eines Gesetzes die Approbation als Arzt in Deutschland entzogen. Das Ende war da, und ich war bereit, mein Geburtsland zu verlassen. Es dauerte einige Zeit, bis mir das britische Innenministerium die Einreise gewährte, und während dieser Warteperiode kam der Schlussakt des Verfolgungsdramas oder der Verfolgungstragödie: die „Kristallnacht“!

Unter diesem Namen ist das Pogrom vom 9. November 1938 in die Geschichte eingegangen. Ich war 40 Jahre alt…

Innerhalb von zwei Wochen musste ich Deutschland verlassen, und somit gab es viel zu erledigen. Einige sehr mutige Menschen freuten sich über meine Heimkehr und boten mir sogar ihre Hilfe an, falls ich diese benötigen würde. Das Leben war für mich erhalten geblieben, aber meine Heimat und mein Heimatgefühl waren tot.

(Auszug aus: 40 Jahre Europa – 40 Jahre Afrika)

Quelle: Bürger erinnern sich. Ein Lesebuch für Erwachsene zur hundertjährigen Geschichte der Stadt Gevelsberg, Hrsg. Stadt Gevelsberg 1987