Eugen Schönebeck

Maifeier ’33

Am 1. Mai 1933 wohnte ich als Zehnjähriger mit meinen Eltern in Vogelsang zwischen Damm- und Talstraße und Rotem Teich, im Volksmund allgemein „Klein-Moskau“ genannt.

Seit kurzem war ich Pimpf.

Die Sozialdemokraten und Kommunisten versuchten auch in unserem Viertel, den Maifeiertag für sich zu retten und Widerstand gegen den 1. Mai der NSDAP zu leisten. Parolen wurden an die Hauswände geklebt: „Wer Hitler wählt, wählt den Krieg!“ und rote Fähnchen und Girlanden angebracht.

In der Nacht zum 1. Mai kam dann eine überraschende Hausdurchsuchungsaktion, die Parolen mussten entfernt werden, und eine Reihe Vogelsanger Männer wurde in Schutzhaft genommen.

Die Hausdurchsuchung wurde von der Polizei und deren Hilfsdienst (SA) durchgeführt.

Ich kann mich erinnern, dass damals zwei Vogelsanger der SA angehörten. Die Fahne des Reichsbanners wurde nicht gefunden, weil sie in meinem Zimmer versteckt worden war, und bei einem Kind vermutete man sie ja nicht.

Der 2. Mai 1933 hielt die erste politische Enttäuschung für mich bereit: Als ich Verwandte besuchte, die im Hause Rosenthal wohnten, sah ich Männer in SA-Uniform vor dem Geschäft mit Schildern um den Hals stehen. Auf diesen Schildern stand: „Deutsche, kauft nicht bei Juden!“ Was mich aber besonders daran erschütterte, war die Tatsache, dass einige dieser Männer dieselben waren, die uns wenige Tage zuvor die Fahne des Reichsbanners zur Aufbewahrung gegeben hatten – über Nacht waren sie in die braune Uniform geschlüpft.

Quelle: Bürger erinnern sich. Ein Lesebuch für Erwachsene zur hundertjährigen Geschichte der Stadt Gevelsberg, Hrsg. Stadt Gevelsberg 1987